Milos Archibald Novalsky, der „moderne Graf von St. Germain“, ist einer der faszinierendsten und zugleich unbekanntesten deutschen Schriftsteller. Seine Werke sind unauffindbar, einige wenige Originalausgaben sollen sich im Nachlass der Bibliothek von Borges befinden. Es ist wahrlich ein großes Pech für die Literaturgeschichte, dass dieser Gefährte von Brinkmann und Fauser, Bettpartner von May Spils (Regisseurin des unerreichten Zur Sache Schätzchen) sowie seltener Vertreter eines postmodernen, deutschen Literatursurrealismus so in Vergessenheit geriet, wie er es leider Zeit seines Lebens wollte.

Zum Glück gibt es Joshua Groß. Seine Romane, Erzählungen, Gedichte und Novellen sind auffindbar. Und mit dem diese Tage veröffentlichten Post-Roman Faunenschnitt entzündet er ein bengalisches Feuer, das man nicht vergessen wird und ebenso fasziniert, wie die Figur Novalsky, die durch die Buchseiten und Fußnoten geistert.

 

2105170_1_articledetailpremium_5765b1efde112Faunenschnitt ist eines dieser Bücher, das Lektoren um den Verstand bringt: Sie verzweifeln bei dem Versuch, einen Klappentext oder eine Zusammenfassung zu verfassen. Aber sie können auch nicht davon ablassen, weil es brillant geschrieben ist. Groß gibt der deutschen Literatur eine Sprache der Lässigkeit, die man ihr nicht mehr zugetraut hätte. Und einen Roman voller schimmernder Paralleluniversen; „Wer sich mein Bewusstsein vorstellen will, muss an Perlmutt denken.“ Allen, die sich fragen ‚Was ist das nur für 1 Gegenwartsliteratur?‘ sei gesagt: Diese hier ist dichter, wilder, fantasievoller und smoother als das meiste andere. Sie hat etwas von der Kreativität eines Leif Randt, ohne dessen Science-Fiction, etwas von der Absurdität eines Clemens J. Setz, ohne dessen Abgründigkeit, etwas vom Erzählspiel eines Thomas Glavinic, ohne dessen Glatze – in Faunenschnitt geht es ‚lockig’ zu.

„Was ich hier versuche, ist so, als würde man in einem Porno nach Vertraulichkeit suchen.“

Das Intro knüpft fast nahtlos an das exploitationhafte der letzten Novelle Magische Rosinen an. Auf eine actionlastigen Begegnung mit einer verbissenen Muräne folgt der Auftrag für den Protagonisten Frank, als Detektiv seinem Verleger, auf Urlaub im Salzkammergut, zu helfen, ein halbes Kilo Arung – ein halluzinogenes Surf-Kraut – wiederzufinden. Als Frank jedoch am Grundlsee eintrifft, wurde bereits ein desertierter Elitesoldat (Bruno) mit dem Job beauftragt, die Anwesenheit  von Frank erübrigt sich. Soviel zum klassischen FaunenschnittHandlungsaufbau. Dafür kehrt mit einem beigen Hund, der sich „wie ein Werwolf-Milchbrötchen“ anfühlt und ein ausgemachtes Faible für Pfannkuchen hat, ein alpenwarmer Ton ein. „Der Süden war weich und ehrlich in seiner heruntergekommenen Empfindsamkeit“ und alle Leser, die wie der Autor dieser Zeilen, immer eine unerklärliche Abneigung gegen die Alpenregion hatten, dürften mit diesem Buch geheilt sein. Diese Alpenwärme ist wie eine Literatur gewordene Sommerwiese am Berghang, wohl wissend, dass im Schatten auch die Kälte lauert. Diese zieht immer wieder in Form von Rückblenden vorbei und durchbricht die Wärme wie ein Segelflugzeug im Geschichtsverlauf die Oberfläche des Grundlsees.

 

Überhaupt dient der See als eine „Hohlwelt“ mit einem „finsteren Kern“, als Folie für verschiedene Geschichten, die sich zum Ende des zweiten Weltkriegs in der Region zutrugen. Der Ein-Mann-Nazijäger Simon Wiesenthal etwa vermutete hier Adolf Eichmann und der Widerstandskämpfer Albrecht Gaiswinkler sprang 1945 über dem Höllengebirge ab, um Goebbels zu finden, der am Grundlsee Urlaub machte – tot oder lebendig.

An diesen Stellen schleicht sich eine dritte Parallelwelt in Faunenschnitt ein, die im Gestus an die düster-verschwörerische Kleinstadt Twin Peaks aus David Lynch gleichnamiger Serie denken lässt. Auch hier sind manche „Eulen“ nicht, was sie zu sein scheinen. So wie der undurchsichtige Tretbootverkäufer Edward Talbot, dessen Vater einst an den Grundlsee kam, um Hitlers Raubkunst zu retten, der irgendetwas mit der Geldfälscheraktion „Bernhard“ zu tun hat, aber auch ein Elchtatoo und einen wundervoll leuchtenden Kühlschrank mit Softdrinks besitzt.

Und das ist nur ein Bruchteil der Ideenwundertüte, die Groß auf schnell zu lesenden 120 Seiten aufreißt. Weiterhin im Roman zu finden: ein zu therapierender Thomas Middelhoff, postmoderne Traurigkeit,  eine Dali-Statue, ein Mädchen mit Poncho und Sinn für Kunst, der Geheimbund „Das Merkel’sche Kreuz“, Gummibärchen, Pinien, die Statik von Sonnenuntergängen, der Wald und unzählige Sprachbilder, die zwischen den surrealen Eskapaden Brautigans, der imaginationswucht Cortazars und der fabuliermacht des HipHop changieren. Groß gelingt es, einen Weg zu finden, den Be-Bop der Beat-Poeten in die Gegenwart zu bringen – mit dem Swag von Drake und CURREN$Y.

„Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.“

Visuell eingefangen wird dieses Spiel verschiedener versteckter Welten von den Fotografien Hannah Gebauers, die im japanischen Schnitt zwischen den Seiten in Schmetterlingsbindung eingefügt sind. Hier zeigt sich wieder einmal, dass Groß mit Starfruit Publications den perfekten Verlag für seinen Geschichten hat. Einen, der ebenso wenig Angst vor ungewöhnlichen Wegen hat, wie sein Autor – und ein Faible für schön gemachte Bücher. Im Licht scheinen die Inhalte durch die Seiten, wer sie brutal mit einem Teppichmesser trennt, erhält zwei Welten, die auch nur auf den ersten Blick eindeutiger sind. Der Gestus des Romans wird so kongenial übersetzt.

Gross Gebauer - Faunenschnitt

Bereits mit seinem Coming-of-Beat-Roman Der Trost von Telefonzellen zeigte Groß dem langweiligen Realismus der Textschmieden der Nation den Mittelfinger. Faunenschnitt knüpft hier an und liefert den Beweis, dass erstens deutsche Sprache nicht per se dröge klingen muss und zweitens wir von ihm noch einiges erwarten können. Sicher ist: Langweilen wird sich mit diesem Buch niemand, dafür verabscheut es Langeweile zu sehr: „Es ist mir beinahe unangenehm die Nacht als lauwarm zu bezeichnen, aber sie war lauwarm.“ Ebenso sicher: Joshua Groß bastelt bereits weiter am nächsten begehbaren Kaleidoskop, frei nach CURREN$Y: ‘You can grow weed but I can exhale and grow a cloud’.

 

 

jh

Comments

comments