Es ist einer dieser Tage, an denen sich der Morgennebel nicht auflöst und Rainald Goetz gar nicht mehr damit fertig wird, den Tau von den Wiesen zu lesen. Wie ein leuchtender Fremdkörper schiebt sich die Strassenbahn durch die verhangen Strassen von Berlin-Weissensee, wo sich Efterklang in einem kleinen Ziegelsteinbau in einem Innenhof ihr Studio eingerichtet haben. Im ersten Stock steht ein blauglitzerndes Vintage-Schlagzeug, hinter dem Budgie, ein „master of an instrument“ (Clausen) sitzt und trommelt, umgeben von Computern und Samplern. Nach der kleinen Führung folge ich Caspar Clausen, einem Drittel von Efterklang und deren Sänger, wieder nach unten. Er nutzt die Spielpause, um vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Dabei blickt er wie ich verträumt auf die schwarzen Baumskelette, die als einziges aus dem Nebel heraustreten. Das Bild erinnert nicht nur ihn an Märchen und Tim Burton Filme. Drinnen riecht es wunderbar nach dem Holz, aus dem Kelly Tivnan, die sich das Haus mit Efterklang teilt, Möbel und Lampen (einige davon stehen im Studio) macht. Gemeinsam ist ihnen auch die Faszination für das vermeintlich Vergangene. Denn was bei Efterklang, immerhin das dänische Wort für Gedächtnis oder Nachhall, Klänge sind , ist für Kelly, unter dem bezeichnenden Namen “Past Perfekt”, altes Holz. Wir setzten uns an einen grossen, schlichten Holztisch, der fast den ganzen Raum einnimmt.. Caspar Clausen trägt graues Sakko und weinrotes Hemd. Der schmale Moustache sitzt genau, der Tee dampft verheissungsvoll aus weißen Tassen und Clausen lehnt entspannt in seinem Stuhl, die Füße, in schönen braunen Budapestern, in der Luft balancierend.

 

Beginnen wir doch an dem Ort, wo ihr euer neues Album begonnen habt. In Piramida in Spitzbergen. Wie kamt ihr auf diesen Ort?

 

Kurz nachdem wir das letzte Album „Magic Chairs“ aufgenommen hatten erreichte uns eine Email eines befreundeten schwedischen Filmemachers mit einigen Photos von Piramida. Und wir sahen sie uns an und waren sofort angefixt. Dann lasen wir das bisschen an Information, das wir finden konnten – dass der Ort, der 40 Jahre eine russische Mine war, 1998 vollständig verlassen wurde – und verstauten all das in unseren Köpfen. Als wir ein halbes Jahr später begannen uns Gedanken zu machen, was für eine Art von Album wir als nächstes machen wollten, kam uns die Idee, einen Ort als Ausgangspunkt für ein Album zu nehmen. Endgültig Form nahm dass Projekt an, als wir im Zuge des „An Island“ Films mit Vincent Moon in Zweiergruppen in die Natur gehen und zehn Minuten lang Sounds suchen sollten. Dieser Moment war eine große Inspiration für uns und von da an war es nur noch ein kleiner Schritt, Piramida aus unserem Gedächtnis zurückzuholen und eben diesen Ort sein zu lassen.

 

Du sprachst Field-Recordings an und ich las, dass ihr mehrere Tausend für dieses Album aufgenommen habt. Ist es nicht schier unmöglich, da den Überblick zu behalten.

 

Als wir aus Piramida zurückkamen hatten wir sooo [spannt seine Hände weit aus] eine Festplatte voller Sounds. Mads [Christian Brauer, das zweite Drittel ] erkannte dieses Dilemma auch sehr früh und uns war klar, dass es keinen Sinn machen würde, alles durchzugehen und zu archivieren. Also entschied er sich, sein Gedächtnis als Filter zu benutzen, das heißt sich an bestimmte Situationen zu erinnern und dann die entsprechenden Sounds zu suchen. Daraus enstanden dann manchmal kleine Skizzen. Die schickte er dann Rasmus [Stolberg, der Dritte im Bunde] und mir, ich sang beispielsweise etwas darüber oder fügte eine kleine Melodie bei und schickte sie dann zurück. Wenn eines der Stücke besonders hervorstach, kam es letzendlich wieder zu mir zurück und wurde weiter ausgebaut. Als wir dann zurück in Berlin waren erkannten wir, wie sehr sich Erinnerungen verändern, je weiter das Erlebte zurückliegt. Ja, wie sehr man das Erlebte romantisiert und mit dem Alltagsleben in Verbindung setzt. Auf diese Weise bekam das Projekt einen anderen Blickwinkel, was genau das ist, was wir wollten. Denn wir wollten kein Konzeptalbum über Piramida machen, sondern ein Album, das von dort ausgehend eine persönliche Reise von uns Dreien zeigt die Anknüpfungspunkte an verschiedenste Themen aufgezeigt hat, also sich letztlich um das Sein dreht.

 

Zu einem Album wurden die Aufnahmen aber erst hier im Studio in Berlin, oder?

 

Wir haben in Piramida keinen einzigen Song geschrieben. Wir gingen dort einfach mit unseren Mikrophonen hin und haben herumprobiert, Sounds aufgenommen, aber nicht im Traum daran gedacht, Songs zu schreiben. Wir konnten einfach herumspielen. Aber als wir zurück im Studio waren mussten wir in den Songschreibemodus wechseln.

 

Ihr schichtet viele der so entstandenen Sounds übereinander, manchmal so sehr, dass letztlich ein vertrauter Klang aus unbekannten Klängen entsteht. Steht dahinter die Idee, dem Hörer zu zeigen, dass hinter dem Gewohnten stets auch Ungewohntes liegen kann, es sich also lohnt, auch einmal hinter die Dinge zu sehen?

 

Das klingt sehr schön und um ehrlich zu sein würde ich es gerne bejahen, aber wenn wir jetzt, ein Jahr danach, hier sitzen, romantisiere ich vieles… Was der Wahrheit am nächsten kommt ist, dass wir, wenn es uns darum geht, Songs zu schreiben, stets dazu neigen, aus ungewohnten Blickwinkeln oder von merkwürdigen Orten auszugehen. Unser Ziel ist es, etwa aus dem Klicken eine Kullis [klickt mit einem herumliegenden Kulli auf dem Tisch] einen Song entstehen lassen können, der es vermag, etwas menschliches und Gefühle zu transportieren. Also Songs zu schreiben, die egal ob sie auf einer Piano- oder einer Kullimelodie basieren, weltweit verstanden werden können. Das ist etwas, worum es bei Efterklang geht. Wir sind keine Avantgarde-Band!

 

Ist diese Faszination für „natürliche“ Klänge etwas, das du schon immer hattest oder gab es so etwas wie einen Initiationsmoment?

 

Wir trugen jahrelang immer Aufnahmegeräte mit uns herum, nahmen Sounds auf und sampleten viel oder machten Beats aus natürlichen Klängen für ein Album. Und ich denke, das geht zurück in die Anfangstage von Efterklang als wir um 2000 herum nach Kopenhagen zogen. Davor waren wir eine ziemlich gewöhnliche High-School-Rockband. Aber in Kopenhagen empfing uns eine ganze Welle an Inspirationen. Wir begannen haufenweise neue Musik zu hören, beispielsweise Oval oder Markus Pappe – also sehr elektronische, digitale Sounds. Gleichzeitig hörten wir aber auch Bands wie die Einstürzenden Neubauten und auf diese Weise auch Industrial Sound und das Verwenden von Abfallmaterialien als Klanginstrument. Diese Musik hat uns einfach den Kopf weggeblasen. Nach dem Motto: Fuck! So kann man also auch Musik machen! Die Alben aus dieser Zeit, etwa „Tripper“, haben daher auch diesen merkwürdigen Neubauten-Klang bei den Drums, gemischt mit einem sehr elektronischen Sound. Wir versteckten sogar einige alte Stahlrohre im Studio. Wir verstehen uns nicht als „Master of an Instrument“. Uns geht es darum, Klänge zu entdecken und diese in Songs zu verwandeln. Wenn auch vor allem, weil wir einfach keine technisch versierten Musiker sind [lacht].

 

Perfektion kann ja auch schnell langweilig wirken. Sind es nicht die unperfekten Stellen, die einen Reiz ausmachen…

 

Definitiv, ja. Ich kenne einige Virtuosen, die genau nach dieser Imperfektion suchen, wenn auch auf eine andere Weise. Wir haben, wie gesagt, versucht, konventionellen Rock zu machen, aber stellten dann fest, dass es einfach stumpf klang. Also dachten wir uns, dass es all diese Bands gibt, die beweisen, dass man Dinge eben auch anders machen kann.

 

Gleichzeitig arbeitet ihr auch mit Virtuosen wie etwa Nils Frahm zusammen.

 

Wir machen nun seit zehn Jahren Musik und haben immer versucht, mit Menschen zu arbeiten, die auf einem Instrument sehr gut sind. Wenn man mit solchen Menschen arbeitet, kann man ihnen Dinge sagen wie: Hm, können wir mal das ausprobieren? Und sie können das einfach machen. Gleichzeitig sind sie aber auch Künstler, die selbst denken und handeln können. Nils ist auch so ein Beispiel. Als wir nach Berlin kamen, lernten wir Nils über Freunde kennen und trafen uns dann häufiger bei Parties und Veranstaltungen. Von seiner Musik wurden wir direkt weggeblasen, denn sie ist wirklich… etwas ganz besonderes. Und nicht nur technisch, sondern auch künstlerisch ungalublich gut konstruiert. Er ist so anders als Efterklang. Wenn er ein Album macht braucht er 16 Tage, maximal. Das meiste macht er wahrscheinlich in drei Tagen. Als wir ihn im Studio hatten war er sofort „all over the place“. Ich denke, dass dieser Konstrast in vielerlei Hinsicht sehr gut war. Auf der einen Seite hast du einen Typ, der vor Ideen nur so sprüht und das direkt raushaut und auf der anderen Seite diese beiden Typen – uns – die komplett anders arbeiten. Bei Efterklang geht es mehr um das langsame Reifen, wie bei der Herstellung von Käse oder Whisky. Man hat etwas im Computer und hört es sich ein paar Tage lang an, dann nimmt man da etwas weg und fügt dort etwas hinzu. Deshalb ist es so inspirierend, mit jemandem wie Nils oder auch Peter Broderick zu arbeiten, der sich einfach an ein Instrument setzt und spielt.

 

Piramida wirkt auf mich auch wie eine Insel in der Zeit, wie ein Ort, von dem aus man zurückblickt. Welche Rolle spielt Zeit auf dem Album, insbesondere in deinen Texten?

 

Die Idee einer Zeitkapsel oder von Zeit im allgemeinen war dort allgegenwärtig. Piramida wurde vor 13 Jahren verlassen und zeigt deutlich menschliches Schaffen und Verfall. Gebäude, die gebaut wurden und sich in Abfall verwandeln, ja von der Natur zurückerobert werden. Wenn man das sieht, beginnt ma,n über Zeit nachzudenken. Gerade in der Antarktis erkennt man, dass alles seine Geschwindigkeit hat. In diesem Klima geht alles langsamer, der Verfall wird verlangsamt, wie in einem Kühlschrank. Und dann steht man in der Natur, die seit Millionen von Jahren so ist wie sie ist und sieht etwas von Menschen gebautes, was nur ein Bruchteil von dieser Zeit ist. Selbst wenn wir von 500 Jahren reden, so ist es nichts [schnippt mit dem Finger] im Vergleich zum Gesamtbild. Als wir zurückkamen, begann ich, darüber auch im persönlichen nachzudenken und die Bilder vermischten sich auf eine interessante Art und Weise. Ich war und kam aus einer Geisterstadt und hatte gerade eine Beziehung hinter mir, die noch immer da war, wie eine Ruine. Ohne bewusst daran zu denken, behandelten die Texte diesen Ort, an den ich machmal gehen würde und einfach über mich und diese andere Person nachzudenken, um herauszufinden, wer ich bin und welcher Art meine Beziehungen zu anderen Menschen sind.

 

Deine Stimme klingt auf dem Album tiefer und präsenter, als hätte sie mehr Raum. Und das gilt auch für die anderen Instrumente und Klänge. Wie wichtig ist Raum bzw leerer Raum für das Album?

 

„Space and Spirit“ sind sehr wichtig für das Album. Auch das fügt sich wieder sehr gut in die Struktur von Piramida. Einem Raum, der einst von Menschen und Seelen belebt wurde. Die Menschen verließen den Ort, aber die Raumstruktur als solche blieb bestehen. Und, bildlich gesprochen, ebenso gibt es eine Beziehung, die einst von zwei Menschen belebt wurde und sie gingen. Dennoch kann man dorthin zurückkehren und darüber nachdenken. Wir wollten ein Album machen, dass sehr verdichtet ist, schlichter als „Magic Chairs“. Dort ging es um etwas komplett anderes. Darum, in einer Band zu sein, auf der Bühne zu spielen, draußen in der Welt zu sein und Menschen zu treffen. Im Endeffekt, das Leben zu feiern. Ich denke, bei „Piramida“ geht es mehr um Reflektion und Nachhall. In diesem Sinne ist es essentiell, den Dingen ihren Raum zu lassen und ihn nicht zu füllen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir ein bisschen älter geworden sind. Nach all den Experimenten der letzten Alben versuchen wir im Moment, den Sound auf seinen Kern zu reduzieren. Aber wer weiß, vielleicht schlagen wir auch wieder die andere Richtung ein. Bei Efterklang ging es nie darum Dinge zu vereinfachen. Wir begannen stets mit tausend Dingen auf dem Tisch, von denen wir uns die raussuchten, die wir mochten. Und dieses Mal haben wir eben mehr Dinge außen vor gelassen.

 

Was ja auch zum Zeitgeist passt.

 

Ich denke, „contemporary“ zu sein und sich für die Dinge zu interessieren, die gerade passieren, hat auch immer mit Neugier zu tun und wir waren und sind stets neugierig. Ich hoffe, dass wir uns das bewahren können und denke, dass es essentiell ist, sich von Album zu Album zu verändern. Gleichzeitig ist es ein komisches Gleichgewicht. Bei Efterklang ging es immer darum, Dinge so ändern, so dass wir sehen konnten, wie die Dinge aussehen oder was uns als Band definiert, wie sich der Sound verändert, wenn wir in dieser oder jener Konstellation spielen. Wir sind klar inspiriert von gegenwärtigen Dingen und dem, was uns umgibt, also gegenwärtige Musik, Filme, Kunst. Ebenso finde ich immer wieder Werke, die 30 oder 100 Jahre alt sind, die ich liebe und die noch immer interessant sind. Es ist schön, den Zeitgeist einzufangen, aber ebenso ist es für uns essentiell, etwas zu schaffen, das nicht auf der Welt, in der wir leben, basiert. Wenn wir dabei wie der Zeitgeist klingen, ist das nicht zwingend schlecht, aber es ist eben nicht unser Ziel. Wir versuchen immer, etwas zu schaffen, dass man auch in einigen Jahren noch hören kann. Gleichzeitig bin ich auch neugierig zu hören, wie wir in 30 Jahren klingen werden. Technisch vermischen wir schon jetzt sämtliche Zeiträume. Wir haben ein vintage Schlagzeug, einen digitalen Sampler und einen Computer, und all das funktioniert zusammen. Zudem wurde das Album in der brilliantesten Qualität aufgenommen und ich kann mir nicht vorstellen, dass man die noch viel mehr verbessern kann.

 

Dennoch sind eure Alben etwas, dass man mit einem bestimmten Zeitpunkt verbindet.

 

Ein Fussabdruck im richtigen Moment. Wenn es das ist, was ein Zeitgeist-Einfluss ausmacht, wäre es wunderbar für mich und das, was ich mir von unseren Alben erhoffe.

 

Du hast erwähnt, dass eure Art zu arbeiten ein Prozess ist. Wie ist das für die anstehende Tour? Ändern sich die Songs merklich, wenn man sie auf den Bühnen spielt?

 

Das ist von Song zu Song verschieden. Wenn wir zum Beispiel mit einem Orchester spielen versuchen wir, dem Orchester seine Klangmöglichkeiten zu ermöglichen, auch wenn der Song ursprünglich vielleicht schlichter instrumentiert war. Beim aktuellen Album dürfte die Umsetzung aber etwas einfacher sein, da die meisten Songs eher schlicht aufgebaut sind, also auf einem Drumbeat etc. Das heißt, wir können sie gut zu sechst spielen, abgesehen von weitläufiger instrumentierten Songs wie etwa „Black Summer“. Diese werden dann anders, roher, klingen müssen. Im Gegensatz zu „Parades“ oder „Trigger“ sind Alben wie „Magic Chairs“ und jetzt „Piramida“ aber leichter umzusetzen. Für ersteres brauchten wir damals drei Monate oder mehr, um all diese verdichteten Sounds auf eine siebenköpfige Besetzung herunterbrechen zu können, was schier unmöglich wirkte. Trotzdem versuchen wir, der ursprünglichen Songstruktur treu zu bleiben. Denn die Frage nach der Struktur eines Songs ist eine ganz essentielle bei Efterklang. Das macht es uns natürlich auch sehr schwer, eine Stelle zu finden, an der wir improvisieren können. Also höchstens etwas am Anfang, vielleicht kurz in der Mitte und dann am Ende.Wir versuchen also, die Songs sie selbst sein zu lassen, sie dabei aber auch den Gegebenheiten anzupassen und etwas mit ihnen zu experimentieren, also kleine Stücke hinzuzufügen. Bei unserem letzten Konzert in der Volksbühne haben wir beispielsweise so ein Neubauten-Ding eingebaut. Darüber nachzudenken, die Songs umzuarrangieren, ist also etwas pathetisch, wenn man bedenkt, wie viele Gedanken wir uns über deren Struktur gemacht haben.

 

Wie wichtig euch der Aufbau eurer Songs ist sieht man ja auch daran, dass ihr den Hörern mit den Filmen „An Island“ und jetzt „The Ghost of Piramida“ zeigen wollt, welche Prozesse hinter den Songs liegen.

 

Das ist richtig, ja. Und das ist etwas, das ich selbst auch an anderen Bands schätze. Ich mag es, wenn sie kleine Dinge preisgeben, die es einem ermöglichen, die Musik besser verstehen zu können. Das ist etwas, was wir selbst auch versuchen. Bei all den Konzerten, die wir in den letzten Jahren gespielt haben, haben wir einiges über das Spielen an sich und über die Kommunikation zwischen uns und dem Publikum gelernt. Und darüber, wie wichtig es ist, dass die Menschen uns genau beobachten und sehen können, was wir machen. Das ermöglicht es jedem, zu uns eine Vebindung aufzubauen. Man kann ja durchaus auch ein Konzert besuchen und sich denken: Ja, das ist gut. Aber nach einer Weile stellt man fest, dass die Verbindung fehlt und man steht dann herum und beobachtet jemanden dabei, wie er seiner Kunst nachgeht. Bei klassischer Musik passiert das manchmal, etwa wenn man ein großartiges Werk von Mahler hört, aber feststellen muss, dass es einen einfach nicht richtig kriegt. Oder ganz besonders im Bereich der Pop-Musik, wo auf der Bühne etwas künstliches vorgeht und ich dem zusehe, ohne davon berührt zu werden.

Man kann Kommunikation entweder herstellen, indem man nach oben sieht und versucht, eine Verbindung aufzubauen, oder indem man die Songs auf eine andere Art und Weise ausstellt. Und dabei keine Angst davor hat, etwas von der Seite zu zeigen, die man vielleicht nicht so schätzt. Es liegt einfach daran, wie mutig du bist, denn die Linie, ob ich jetzt etwas mutiges und ehrliches zeige, oder einfach nur etwa schlechtes, ist sehr klar. Manchmal ist es unglaublich schwer, das zu beurteilen. Aber je mehr man das reduziert, desto eher kann man etwas besonderes schaffen, dass wirklich gut klingt. Wobei wir schon Konzerte gespielt haben, nach denen wir dachten: Fuck! Das war richtig schlecht. Der Computer ist abgestürzt und wir haben trotzdem versucht, den Song zu spielen. Grausam. Und dann kommen nach dem Konzert lauter Menschen und sagen, dass es das beste Konzert war, auf dem sie je gewesen sind. Man selbst denkt sich dabei nur: Was zum Teufel! Das macht überhaupt keinen Sinn. Das ist etwas, dass ich mir nie erklären konnte. Eine Anleitung dafür zu finden, wie man etwas versauen muss, so dass jeder das Gefühl hat, dass es grossartig war. Irgendwie eine verrückte Sache. Deshalb schrauben wir alles so weit herunter, dass wir kommunizieren können und man versteht, was wir machen. Denn wenn man das versteht, ist es für uns erstens schöner zu spielen und ermöglicht uns zweitens, von diesem Punkt an komplexer zu werden. Es geht also darum, eine Grundlage zu finden, auf der man sich frei genug fühlt, zu gestehen, dass man nicht genau versteht was da passiert. Denn wenn man es nicht weiß und wir es auch nicht wissen, dann können wir uns auf einer Augenhöhe begegnen.

 

Der Tee ist ausgetrunken und der Nebel umschliesst das alte Buchdruckereihaus fast völlig. Casper Clausen genießt in der friedlichen Ruhe, die der so ähnlich ist, die einen empfängt, wenn man Nachts mit dem Fahrrad durch Berlins Straßen fährt die Zigarette danach, ehe er uns durch die Hoftüre nach draußen lässt. Im magischen Traumtheater von Hesses Steppenwolf findet sich ein Korridor mit der Aufschrift: „Inbegriff der Kunst. Die Verwandlung von Zeit in Raum durch Musik.“ Ob es ein Zufall ist, dass Efterklang gerne im Theater auftreten?

 

 

grosses Dankeschön an Jasmin Hollatz für die wunderbaren Photographien. Weitere Bilder, nicht nur aber auch von Efterklang, gibt es hier.

 

 

jh

 

dies ist die ungekürzte Version des Interviews auf stereopol.de.

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